Um 00:13 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit lochte Martin Kaymer zum Sieg gegen Steve Stricker und sicherte damit dem Team Europe die Titelverteidigung.

Im Medinah Country Club in Chicago, Illinois auf dem „Course 3“ konnte man gestern mehr als nur Bauklötze staunen. Nach dem die Europäer um Team-Captain José Maria Olazábal nach den ersten beiden Tagen mit 6-10 gegen die favorisierten Amerikaner zurück lagen, glaubten nur noch die wenigsten an das Wunder.

Der Rückstand von 8 Punkten auf die Titelverteidigung schien zu groß. Dazu spielten die Amerikaner am Freitag und Samstag in den Foursomes und Fourballs einfach zu gut auf. Aus europäischer Sicht musste man mit dem „nur“ 6-10 eigentlich erfreut sein. Es hätte noch finsterer vor den entscheidenden Einzeln aussehen können.

Sergio Garcia und Luke Donald sicherten gegen Steve Stricker und Tiger Woods im vorletzten Fourball den 5. Punkt, nach dem ausgerechnet der Tiger auf den Back 9 immer stärker wurde und den deutlichen Vorsprung von zwischenzeitlich 4 Up für Donald/Garcia abknabberte. Den 6. Punkte holte Ian Poulter gegen die sehr starken Jason Dufner und Zach Johnson. Mit fünf Birdies auf den letzten fünf Löchern zeigte Poulter, warum er eine Wildcard erhielt. Auch wenn viele Rory McIlroy in diesem Fourball vergessen, trug er auf der 13. Mit seinem Birdie zur Verkürzung des Rückstandes bei und schaffte damit für das Tandem Poulter/McIlroy sogar den 1. von 6. folgenden Birdies auf den letzten 6 Löchern.

Ohne Zweifel hätte es auch schlimmer kommen können für das Team von Olazábal. Trotzdem stand die Hürde offen auf dem Zettel: 8 von 12 Einzel mussten gewonnen werden am abschließenden Sonntag.

Sonntag: Die Einzel

Olazábal entschied sich zusammen mit seinen vier Vize-Kapitänen Darren Clarke, Thomas Bjorn, Paul McGinley und Miguel Ángel Jiménez für „offensivste“ Variante. Gleich zu Beginn der Einzel die Formbesten aufbieten um das amerikanische Publikum leiser zu machen und, nicht zu verschweigen, darauf zu hoffen, dass die nachfolgenden den Groove der ersten mitnehmen können.

Davis Love III und seine Vize-Kapitäne ahnten eine derartige Strategie vom Team Europe und versuchten zu kontern. Setzen die am Wochenende starken Watson, Simpson, Bradley, Mickelson nach vorne. So ergaben sich direkt zu Beginn wahre Leckerbissen.

Luke Donald im ersten Match brachte dann bereits das Momentum auf die blaue Seite. Das der Engländer am Ende nur mit 2&1 gewonnen hat, verdankt Watson der Nachlässigkeit Donalds der es nicht schaffte frühzeitig seine hohe Führung zu sichern. Derweil war es ausgerechnet Paul Lawrie, der am Freitag mit Peter Hanson gegen Bubba Watson/Webb Simpson mit 5&4 baden ging, den zweiten Punkt dieser Session für Europa. Mit einem deutlichen 5&3 schickte Lawrie den frischgekührten Tour Championship und FedEx-Cup Champion Brandt Snedeker ins Club House. Plötzlich waren von den 8 benötigen Punkten bereits 2 direkt zu Beginn eingetütet.

Der Weltranglisten-Erste McIlroy sorgte wohl für eine der Randgeschichten des diesjährigen Ryder Cup. Aufgrund einer falsch eingestellten Zeitzone verschlief der Ire und konnte sich nicht einspielen, da er bereits in Match 3 gegen Keegan Bradley auf die Runde ging. Der Amerikaner gewann alle seine 3 Vierer und war eigentlich als Favorit angesehen. Doch der US-Rookie konnte seine Form der vergangenen beide Tage so wieder geben und McIlroy zeigte sich deutlich verbessert. Der Ire brachte das Match durch.

Danach kam Poulter gegen Webb Simpson zum Punktgewinn. Der Engländer sorgte bereits am späten Samstagabend für Spannung. Das Duell Poulter gegen Simpson blieb bis zum Ende ein Duell auf Augenhöhe. Doch Poulter brachte in seinem vierten Spiel seinen vierten Punkt ins Club House. Auf der 17 und 18 hatte „Poults“ einfach das Momentum auf seiner Seite und beendete das Spiel mit 2 Up. Der Ausgleich war geschehen.

Dustin Johnson sorgte dann für den ersten Lichtblick für die US-Boys. Gegen den belgischen Ryder Cup-Rookie Nicolas Colsaerts sicherte er den ersten Punkt für Team USA. Die erneute Führung der Amerikaner war damit auch erst mal wieder auf dem Leaderboard hergestellt. Aber das sollte nicht lange so bleiben. Der Ausgleich erfolgte sehr zeitnah durch Justin Rose gegen Phil Mickelson.

Die Lautstärke der amerikanischen Fans wurde nach und nach etwas runtergeschraubt. Man merkte auf der Anlage im Medinah Country Club, dass das alles andere als ein Selbstläufer geworden ist für den Gastgeber und Herausforderer. Das nutzten natürlich die mitgereisten europäischen Fans und wurden dementsprechend lauter.

Zach Johnson holte dann das zweite Einzel für die Amerikaner gegen einen sehr schwachen Graeme McDowell. Lee Westwood nahm die Einladung von Matt Kuchar an und brachte das 12:12 ins Club House.

Vier Einzel waren noch auf der Anlage. Jim Furyk gegen Sergio García, Jason Dufner gegen Peter Hanson, Steve Stricker gegen Martin Kaymer und Tiger Woods gegen Francesco Molinari.

Bei Dufner gegen Hanson war eigentlich sehr früh klar, dass der Punkt von Dufner geholt wird. Zwar kam Hanson am Ende noch mal gefährlich nah ran, aber Dufner wollte sich dann die Butter doch nicht mehr vom Brot nehmen. Zuvor machte Garcia gegen Furyk aber noch einen netten Endspurt. Ab Loch 14 lag der Spanier mit einem zurück und konnte die Partie erst an Loch 17 ausgleichen und Furyk hatte die Nerven verloren. Boogey auf der 18 und damit Punkt für Europa.

Vor den abschließenden zwei Einzeln die noch auf dem Kurs unterwegs waren stand es also 13-13. Aus dem Vorsprung der Amerikaner ist nichts geworden und die Europäer zeigten absolut genialen Kampfgeist.

Molinari glich auf der 14 aus gegen Tiger, während Kaymer einen relativ simplen Putt zum Par und der 15 nicht machte. Da stand es bei beiden letzten Matches All/Square. Sollte es so zu Ende gehen,  wäre der Titel in Europa verblieben. Bei Gleichstand würde nämlich der Titelverteidiger als Sieger gewertet werden. Doch es war eben auch noch lange nicht zu Ende und im Lochwettspiel ist vieles möglich.

Die entscheidenden Momente

Als Kaymer und Stricker an die 17 kamen, leuchtete das Leaderboard noch immer mit einem A/S bei den beiden letzten Matches auf. Kaymer hatte aber die richtigen Entscheidungen in Petto und das Glück auf seiner Seite. Er ging durch ein Boogey von Stricker bei eigenem Par Putt mit einem Loch in Führung. Es ging auf die 18. Sollte Kaymer das Loch teilen, wäre der Sieg für Europa perfekt gewesen.

Während die Drives von Kaymer und Stricker über die weiten der 18 flogen, verlor Molinari das 17. Loch. Der Italiener mit einem zu langem Chip auf dem Par 3-Loch und konnte anschließend das Par gegen Woods nicht retten. Weiterhin 14-14 im „Projected Score“. Weiterhin der Titel für Team Europe.

Sollte ausgerechnet Martin Kaymer nun das Zünglein an der Waage sein? Der Deutsche qualifizierte sich gerade noch so für seinen 2. Ryder Cup. Wurde von Olazábal auf die Ersatzbank geschickt und hatte an diesem Wochenende gerade mal die Wettkampfpraxis von einem Fourball – selbstredend verlor Kaymer am Freitagnachmittag mit Rose gegen Dustin Johnson und Kuchar.

Nach den vergangenen Wochen und Monaten musste man sich natürlich fragen, woher soll Martin Kaymer die Ruhe, Gelassenheit und vor allem das Selbstvertrauen für die entscheidenden Schläge nun nehmen? Nach dem sein Drive auf der 18 in den Bunker ging, war das einzige Ziel den Ball aufs Grün zu bekommen. Es gelang, er lag auch blendend im Bunker und bei der Fahnenposition war das Grün das Maß aller Dinge. Stricker zog nach, ebenfalls aufs Grün. Aber länger Kaymer. Stricker hatte den ersten Putt. Es war klar, dass beide einen 2-Putt hinlegen müssen. Stricker nahm sich viel Zeit für den ersten Putt. Der lange Putt war gut, aber war er gut genug?

Auch Kaymer nahm sich die Zeit, schaute sich wie Stricker die Breaks in Ruhe an. Kaymer setze an. Ebenfalls zu lang, aber um gute 2 Fuß kürzer als Stricker. Damit verteilte der Deutsche den Druck auf den Amerikaner, der es nun machen musste.

Im Hintergrund sah man die Menschenmengen. Alle waren im Bann diesen Matches, dieser letzten Putts. Es wurde immer klarer, dass der Ryder Cup entschieden werden könnte. Stricker geht sich die Lage anschauen. Die Breaks. Der Amerikaner schlug. Die Kugel fällt in das 10,3cm große Loch. Das Par für Stricker steht auf der 18 und Kaymer bekam den Druck auf seine Schultern. Alle wussten mittlerweile, dass Woods gegen Molinari vorne liegt.

Der Deutsche steht auf dem Green. Legt seine Kugel parat, schaut sich die Breaks an. Kaymer spielt seinen vermutlich wichtigsten Schlag der Saison. Das Ding fällt. Martin Kaymer behielt die Nerven, behielt im Lochwettspiel die kleine Oberhand gegen Steve Stricker. Sämtliche 40-Tonner fielen von den Schultern. Das Ding ist verteidigt und somit gewonnen. Es war nun egal, was Woods und Molinari machen.

Nach dem erfolgreichen Putt sah man einen losgelösten, entfesselten und sehr emotionalen Martin Kaymer. Eine Seite, die man beim Deutschen eher nicht kennt. Die Emotionale. Unfassbar wie Martin Kaymer sich freute. Aus der Ferne würde ich behaupten, erfreute sich nicht nur über den Triumph, nein auch darüber, dass ausgerechnet beim Ryder Cup sein „Knoten“ im richtigen Moment geplatzt ist.

Molinari machte zwar noch den „richtigen Sieg“ perfekt, aber vermutlich auch nur, weil bei Woods sämtliche Anspannung wegfiel und das 18. Loch nach dem gelungenen Putt von Kaymer zur kleinen Partymeile sich entwickelte.

Die Titelverteidigung für das Team Europe war geglückt. Eine unheimliche Aufholjagd legten die Mannen von Team-Captain Olazábal hin. Dieser bedeutende Wettstreit zwischen zwei Kontinenten zeigte einmal mehr, dass es erst vorbei ist, wenn es vorbei ist und bis dahin alles möglich ist, wenn man nur festgenug selbst daran glaubt.

Natürlich ist Martin Kaymer der entscheidende Putt geglückt. Aber auch der um Ruhm und Ehre ausgetragene Ryder Cup kann nur im Team gewonnen werden. Und da haben gestern alle 12 Spieler und sämtliche Offizielle dran geglaubt.

Wer die Möglichkeit hat, sollte sich den finalen Sonntag noch einmal anschauen. Die Spannung kann kein Bericht wiedergeben. Die ständigen Wechsel auf dem Leaderboard kann man einfach nicht in Worte fassen. Das Lochwettspiel hat gestern mal wieder gezeigt, wie emotional und spannend es sein kann.

Dieser Ryder Cup hat jetzt schon Hunger und Lust auf 2014 gemacht. Dann warten wir mal 2 Jahren bis zur nächsten Titelverteidigung!

Über den Autor: Dennis

Geboren im Jahre 1989. Bürostuhlakrobat. Sportnerd. Ohne den Konsum von Sport im TV würde es mir schlecht gehen.

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